CGW – warum "christlich"?Dass die Erde Gott gehört und allen Menschen zur treuhänderischen Nutzung überlassen wurde, ist ein in allen Religionen beheimateter Gedanke. Beispielsweise sagt die Bibel:
Deshalb fordern die Christen für gerechte Wirtschaftsordnung ein ökologisches Steuersystem, das Arbeitseinkommen entlastet und stattdessen die Inanspruchnahme natürlicher Lebensgrundlagen, insbesondere Energie und auch Boden, zur Bemessungsgrundlage macht. Wenn von einem religiösen Zinsverbot die Rede ist, denkt man eher an den Islam als an das Christentum. Das hängt sicher damit zusammen, dass der Zins von den christlichen Kirchen heute toleriert, ja akzeptiert ist, während er früher als ungerecht abgelehnt wurde. Um das Zinsverbot besser zu verstehen, muss man sich die Auswirkungen des Zinses verdeutlichen: Rund 10 % der Bevölkerung besitzen rund 90 % des Vermögens – das ist in Deutschland so und in der ganzen Welt ähnlich, oft noch krasser zu Gunsten der Wenigen und zu Ungunsten der Vielen. Das Ungleichgewicht rührt insbesondere daher, dass wer mehr hat als er braucht, seinen Überschuss "arbeiten" lassen kann: Viele Arme sind gezwungen, Kredite aufzunehmen, aus deren Zinsen und Zinseszinsen wenige Reiche unvorstellbar hohe Gewinne einstreichen – bis zu einer halben Million Euro täglich, nicht zu vergessen die Zinsanteile in allen Waren- und Dienstleistungspreisen, die jeder, auch wenn er keine Schulden hat, bezahlen muss. Dieser für die weniger Wohlhabenden strangulierende Mechanismus muss den Autoren der Bibel weit bewusster gewesen sein als uns aufgeklärten Menschen des 21. Jahrhunderts. So im Alten Testament:
Und im Neuen Testament:
Und wie schon griechische und römische Philosophen ("Zinsnehmen ist die naturwidrigste Erwerbsart", Aristoteles) vertraten auch die Kirchenväter das Zinsverbot:
Martin Luther bekräftigt:
Noch für Luther ist selbst niedriger Zins bereits Wucher. Die Katholische Kirche hatte noch in ihrem Gesetzbuch (Codex Juris Canonici, Kanon 1543) von 1917/18 die Regelung, dass ein Darlehensvertrag keinen Gewinn rechtfertige, allerdings verbunden mit dem Zusatz, dass weltliches Gesetz eine abweichende Vereinbarung erlauben könne. Beides wurde im Zuge der Neufassung 1983 ersatzlos gestrichen. In einer Marktwirtschaft ist ein Zinsverbot nicht sinnvoll, wohl aber Maßnahmen, welche die uferlose Bereicherung durch Zinsen verhindern, etwa eine Liquiditätsabgabe, die man auf Geld erheben könnte, das dem Umlauf vorenthalten wird. Die Christen für gerechte Wirtschaftsordnung sind nicht nur für Christen offen, sondern für alle, die wollen, dass auch Christen ihre Verantwortung für eine zukunftsfähige Wirtschaftsordnung wahrnehmen. Wir fühlen uns bestärkt durch die Netzwerke zinsloser Leihe im Umfeld jüdischer Synagogen und verfolgen mit Sympathie die Bemühungen Islamischer Banken, durch Formen der Gewinn- und Verlustbeteiligung Zinsen zu vermeiden. Die leistungslose Bereicherung zu Lasten der Bevölkerungsmehrheit mittels
Zins und dessen fatale Wirkungen sind der Begründungskern dafür, dass (immer
mehr) Christen wie auch andere Religionen das kapitalistische Wirtschaftssystem
ablehnen, wie es die 24. Generalversammlung des Reformierten Weltbundes im
August 2004 in Accra beschlossen hat. Außerdem spricht viel dafür, dass es nicht
zuletzt die zerstörerische Dynamik des Zinseszinsprinzips ist, die uns, wenn
auch unbewusst, in den Augen islamischer Fundamentalisten so hassenswert macht.
Wenn wir dem Terror begegnen wollen, müssen wir diesen Tumor unseres westlichen
Gesellschafts- und Wirtschaftssystems zu einem vordringlichen Gegenstand des
interreligiösen Gesprächs machen. |